Geschichte

Kerweumzug 1956 – Szene aus dem Heimatfilm

In den fünfziger Jahren herrschte auch in Gaiberg Aufbruchstimmung. Erste Urlauber kamen in die Region. Zunehmend gingen Zimmeranfragen beim Rathaus ein. Die Gaststätten waren darauf kaum vorbereitet. Gäste an Privatquartiere zu vermitteln, war ein dringendes Anliegen der Gemeindeverwaltung. Erste Beauftragte für Betreuung und Einweisung der Gäste war Maria Boxberger. Wer Räume frei hatte, investierte in sein Haus, um Mindeststandards zu erreichen. Hier bot sich die Chance, an dringend benötigtes Geld zu kommen. Arbeit sollte sich wieder lohnen. Gespartes Geld gab es so kurz nach der Währungsreform kaum. Mit Kleinkrediten konnte man schon viel erreichen.

Über die Bewältigung des zunehmenden Fremdenverkehrs hinaus besann man sich in interessierten Kreisen ebenso auf die Notwendigkeit, den Heimatgedanken und die Brauchtumspflege in die Mitte der Dorfgemeinschaft zu stellen.

Aus der Chronik des Heimat- und Kulturvereins geht hervor, dass es im Jahr 1955 an Ideen und Aufgaben nicht fehlte, um einen Verein zu gründen. Bevor es dazu kam, wurde eine Versammlung in die Gaststätte „Zur Rose“ am 14. Mai 1955 einberufen, wo der Gastredner des Verkehrsvereins Schriesheim über die Aufgabenfelder eines solchen Vereins referierte. Initiator war wieder Kamil Manges, der zur Gründungsversammlung in dasselbe Lokal am 8. Juni 1955 einberufen hatte. Es kamen 18 Personen, denen Manges Ziele und Zweck des Vereins vorstellte. Eine Satzung wurde präsentiert. Die Wahl des ersten Vorsitzenden fiel auf Jakob Schmitt, des zweiten auf Willi Theis. Der „Verkehrs- und Heimatverein“ initiierte erstaunlich Neues.

Ein Anliegen des Vereins war gleich die Verbesserung der schlechten Busverbindung der Deutschen Bundespost zwischen Gaiberg und Heidelberg. Im März 1956 begrüßte Gaiberg zum ersten Mal den Frühling mit einem Sommertagsumzug. Das ganze Dorf sowie alle Vereine beteiligten sich an dem Umzug. Bald wurden Ansichtskarten in schwarz/weiß entworfen und an die Geschäfte zum Verkauf verteilt. Wanderwege bekamen plangemäße Schilder an den Bäumen. Auch die erste Kerwe fand in diesem Jahr statt. „Der letzte Gaul“ wurde vorgeführt. Der gehörte dem Landwirt Walter Klingmann. 

Nach einem euphorischen Auftakt konzentrierte sich der Verein auf den Empfang von Reisegesellschaften. In Verbindung mit dem Reiseunternehmen ASEAG in Aachen stand die weitere Beschaffung von Gästezimmern und Betreuung der Urlaubsgäste mit mit Wanderführungen und den Begrüßungsabenden im Gasthaus „Zur Linde“ im Vordergrund. Aus dem Vereinsnamen wurde der Namensteil „Heimat“ gestrichen. In der Blütezeit des Fremdenverkehrs unter dem Vorsitzenden Norbert Klehr verbuchte der „Verkehrsverein“ 3000 Übernachtungen pro Jahr. 

In den Jahren 1981/82 gingen die Gästezahlen drastisch zurück. Als dann der wichtigste Reiseveranstalter aus Aachen Anfang 1983 kündigte, brach die Vereinstätigkeit völlig zusammen. Im Verkehrsamt Rathaus unter Bürgermeister Josef Klehr, der am 7. November 1984 nach Rücktritt von Norbert Klehr zum ersten Vorsitzenden des Rathauser gewählt wurde, konnten nur noch die Vereinsaustritte registriert werden; der Verein wurde auf dem Papier verwaltet. Die Gemeinnützigkeit zu erlangen war die wichtigste Bewegung in der Ruhepause. 

In der Mitgliederversammlung wurden am 12. März 1988 Günter Hoppe zum ersten und Wolfgang Seidler zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Seit August 1997 heißt der Verein „Heimat- und Kulturverein“. Er stellte insbesondere Brauchtumspflege (z. B. Maibaumstellen) in den Vordergrund, veranstaltete Tagesausflüge oder Fahrten zu Weltkulturerbestätten. 

Seit 2018 liegt der Schwerpunkt des Vereins auf der Veranstaltung von Vortragsabenden, der Organisation von kleineren oder größeren Ausflügen sowie der Teilnahme an Gaiberger Festen. Durch zunehmende Querverbindungen, die neue Mitglieder zu anderen Vereinen und Gruppierungen haben, erlebt der Verein eine erfreuliche Verbreiterung seiner Basis und Akzeptanz im Dorf. Der Verein selbst ist auch Mitglied beim Förderverein der Gaiberger Feuerwehr und beim Verein „Homo Heidelbergensis“ in Mauer. 

(Text außer des letzten Abschnittes von Günter Hoppe aus Buch „Spurensuche in Gaiberg“ von 2012 anlässlich des 700-jährigen Jubiläums der Gemeinde)